ERTLIF - Alchemist und Magier





Ertlif ist zwischen 1130-1133 in einem Weiler in der Nähe von Oldendorf im Teutoburger Wald als zweiter Sohn eines Lokaladligen geboren worden.

Aus seiner Jugend ist nichts näheres bekannt. Er hat wahrscheinlich eine Klosterschule besucht, denn er beherrschte Latein und Griechisch, was ihm den ungefilterten Zugang zum Wissen der damaligen Welt ermöglichte.

Schon früh befasste er sich mit den hermetischen Künsten. Bei einem längeren Studienaufenthalt in Barcelona lernte er Arabisch.
Zu dieser Zeit hat er sich auch den Namen Ertlif gegeben, etymologisch angeblich aus dem Sanskrit von Arthlef (den die Erde liebt) stammend. Es scheint, dass er sich mit dem alchemistischen Prozess der Transmutation der Elemente befasste und offensichtlich sowohl die Schriften des islamischen Gelehrten Gebers (Dschâbir ibn-Hayyan) als auch die Kabbala intensiv studierte.

Auf seiner Rückreise nach Deutschland hielt er sich nachweislich längere Zeit als Gast bei Johann von Gisors auf, dessen Rolle innerhalb des Templerordens und der Prieuré de Sion aufgrund neu gefundener Dokumente erst in den letzten Jahrzehnten etwas klarer geworden ist. Was die Beiden verbunden hat, darüber kann nur spekuliert werden. Zurück in Deutschland, erwarb er sich den Ruf eines Alchemisten und Magiers, der versuchte, Gold aus den zwei alchemistischen Urstoffen der Materie, Schwefel und Quecksilber, herzustellen.

Dass dies für die Adepten Tarnbezeichnungen für eine ganze Reihe von synonym benannten realen und geistigen Wesenheiten und Prinzipien waren, war zu der Zeit nur wenigen Eingeweihten klar. Die grosse Masse glaubte, solche Verwandlungen seien tatsächlich möglich und habgierige Fürsten hielten sich Alchemisten, die den Reichtum ihres Herrn auf magische Art mehren sollten. Gold wurde als Symbol der Perfektion und Unsterblichkeit angesehen. Europa stellte im 12. und 13. Jahrhundert einen geradezu unglaublichen Nährboden für spirituelle Bewegungen aller Art dar, viele davon betrügerisch oder ketzerisch.

Was Ertlif genau tat, entzieht sich unserer Kenntnis. Sicher ist nur, dass er vor allem die kosmologischen Aspekte seiner Wissenschaft betonte. Der Weg von der ersten Stufe (materia prima) bis zur letzten Stufe (Stein der Weisen) als Prozess zur gnostischen Erleuchtung wurde mit christlichen Symbolen getarnt, um sich in der realen, agnostischen und deshalb dogmatischen Welt der römischen Kirche frei bewegen zu können. Obwohl die Betonung des Christlichen praktisch sämtliche Alchemisten selbst in der Hochblüte der Inquisition vor Verfolgung durch die Kirche bewahrte, wurde Ertlif nach seiner zweiten Reise nach Gisors vom bigotten Klerus der Häresie und Ketzerei beschuldigt. Er musste sich für längere Zeit in die Tiefen des Teutoburger Waldes flüchten, wo er sich von Wurzeln und Flechten ernährte. Aus dieser Zeit stammen viele der Legenden, in denen er beispielsweise als verkommener Waldschratt oder als ein mit dem Gehörnten im Bunde stehender Magier dargestellt wird, der aus Alraunen, Eibenbeeren und Gerstenkeimen das Lebenselixier gewinnen wollte. Angeblich frassen ihm die Füchse aus der Hand. Mehrere Quellen berichten, er habe es verstanden, die Zeit stillstehen zu lassen.

Dank der Protektion des Herzogs von Sachsen, der an ihm neben seiner umfassenden Allgemeinbildung besonders auch seinen feinen und oftmals skurilen Humor schätzte, konnte er für seine letzten Lebensjahre wieder auf den elterlichen Hof zurück, wo er seine vermutlich bekannteste
Schrift über Mikrokosmos und Makrokosmos verfasste. Leider sind die wenigen erhalten gebliebenen Schriften im II. Weltkrieg bei den alliierten Luftangriffen auf Köln und Dresden verbrannt.

Ertlif starb 1203 an den Beschwerden des Alters. Nicht lange nach seinem Tod begannen Wallfahrten zu seinem Grab. Die Verehrung durch das Volk und die Fürbitten, mit denen man seinen Beistand im Himmel erflehte, nahmen solche Ausmasse an, dass der Glaube an Wunderwirkungen zur Forderung nach Seligsprechung führte. Die Kirche verhielt sich abwartend, und der Bildersturm der Reformationswirren erledigte die Frage physisch. Ertlif’s Gebeine wurden zusammen mit den Reliquien anderer Seliger und Heiliger zerschlagen und in den Dorfbach geworfen.

Was bleibt, sind die Erinnerungen an einen Menschen, der seiner Zeit in vielen Dingen weit voraus war. Ein Mensch, der neugierig die Enge und den Mief der eigenen kleinen Welt verliess und Europa bereiste, um seinen Horizont zu erweitern. Er war offen für Neues, dachte das Unkonventionelle und löste sich vom orthodoxen Glauben an die alleinseligmachende Quelle des Wissens. Für eine Weile vertraute ihm der Zeitgeist die Fackel der Erkenntnis an, um die geistige Dunkelheit des Mittelalters auszuleuchten, so, wie vor ihm und nach ihm andere diese Last auf sich nehmen mussten.

Zusammengetragen von Teddy Riedo